Michael Schultze, Crash Test for Disco (2000)

Discoteca Flaming Star im Kunstverein München: „Love to Love you Baby“, Donna Summers Diskothekenstampfer als 25 -minütiges Noisespektakel.

Zu hören waren über eine Maxifassung des Stücks gelegte 2-Akkordmonotonien auf der Gitarre, wirres und a-rythmisch verlorenes Herumgeklopfe auf Baß und Drummachine, vorne am Bühnenrand stehend, längst vergangene Rock-Gesten mimikrierend, ein Sänger in lasziven Posen, darüber frei improvisiertes Akkordeon, ziselierte Rock-Soli und ein gnadenloses über- und untereinander der musikalischen Absichten:

Der Auftritt der Berlin / Münchner Allstarbesetzung des Künstlerprojekts „Discoteca Flaming Star“ im Münchner Kunstverein ist kaum in Kategorien zu fassen. Die dilletantistische Geste, das an die einfach-drauf-los-Rocken Ideologie des Punk erinnernde fröhlich – melancholische Gelärme bricht sich an der stilistischen wie musikalischen Vielfalt der Zeichen, die hier wie durch einen Trichter gezogen wirken.

Disko als hedonistisches Prinzip eines Wochenendausbruchs wird in der essentialistischen Rhetorik des Rock wiederaufgearbeitet, ohne nicht auch das Bild der Big Band gestreift zu haben. Der Glauben an die Botschaft einer Musik die sich längstens von ihrer kritischen Potenzialität verabschiedet hat (also alles was Disko vielleicht einmal war) erschien in der Performance zu einer Geisterbeschwörung mit Möglichkeitsanspruch zu werden. Die Rückführung von Disko an Polka. Trash mit Glaubenspotenzial und Konsensbewusstsein: dieser Auftritt war sicher einer der merkwürdigsten die ich in letzter Zeit sah. In einer perfiden Wiederholung senden die gecoverten Songs der Vergangenheit ein neues schmutziges und trotziges Licht aus. Keine Reanimation eines schon halbtoten Songs konnten die Zuschauer erleben sondern viel eher den Versuch eines Testens auf Tauglichkeit, eines Crashtests for Disco.

Und durch alles hindurch spürt man, zu dem Wirklichkeitsabgleich, auch ein „Trotzdem“ (trotzdem wir nicht spielen können, trotzdem das Lied schon auf der Welt war, trotzdem die Liebe die hier geliebt wird sich im mechanistischen Viervierteltakt bewegt). Ein Glauben an die Macht des „trotzdem“ die sich auch immer wieder reibt an der Pose des Rockstars und der Idee einer glamurösen Band. Und eben genau deshalb brechen Discoteca Flaming Star immer wieder aus dem Steinbruch der Popgeschichte die Brocken heraus, die sich in unsere erkalteten Herzen wieder zu Lava verflüssigen können.